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Wird es in der Zukunft eine weltweite Wasserknappheit geben?

 

Antwort

Rappbodetalsperre

Foto: UFZ/ André Künzelmann

Obgleich es seit Juli 2010 ein Menschenrecht auf sauberes Wasser gibt, hinkt die praktische Umsetzung weit hinterher: Nach wie vor haben weltweit knapp eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Prognosen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung von gegenwärtig 7,2 Milliarden bis 2050 auf 9 Milliarden Menschen anwachsen wird. Damit verbunden ist ein steigender Bedarf an Wasser, Nahrung und Energie, vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern, der in vielen Regionen an die Grenzen der verfügbaren Ressourcen reichen wird. Szenarien zum globalen Temperaturanstieg gehen zudem von zwei bis sechs Grad Celsius bis 2100 aus, so dass die ohnehin vorhandenen Wasserprobleme sich verschärfen und neue hinzukommen werden.

Die Folgen werden – je nach Ausgangssituation, klimatischer und geografischer Lage und politischen Rahmenbedingungen – ganz unterschiedlich ausfallen. Denn obwohl Wasser global betrachtet scheinbar im Überfluss vorhanden ist (mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt), so ist nur ein sehr kleiner Teil davon als Trinkwasser direkt aus Seen, Flüssen und Grundwasser nutzbar (etwa 0,3 Prozent). Wasser ist zudem weltweit ungleich verteilt und wird je nach Jahreszeit und Region unterschiedlich stark genutzt – als Trinkwasser, für die Industrie, zur Energieerzeugung oder für die Pflanzenproduktion in der Landwirtschaft. Und oft wird das Wasser gerade dort für besonders wasserintensive Nutzungen beansprucht, wo es ohnehin bereits knapp ist.

Auch wird der Klimawandel in Europa seine Spuren hinterlassen. Prognosen sagen für einige heute schon sehr trockene Regionen im Mittelmeerraum Niederschlagsrückgänge zwischen 20 und 40 Prozent bis zum Jahr 2070 voraus. Andernorts wiederum werden Extremniederschläge lokale Überflutungen und die Zahl der Hochwässer deutlich erhöhen. Wasser- und Abwassertechnologien müssen an diese veränderten Randbedingungen angepasst werden. Die besondere wissenschaftliche Herausforderung liegt dabei in der Entwicklung komplexer und trotzdem verlässlicher Observatorien- und Prognosesysteme für den Einzugsgebietsmaßstab mit Zeitperspektiven bis zu 100 Jahren.

In den ariden und semiariden Regionen Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas haben wir es vor allem mit einem quantitativen Wasserproblem zu tun, bei dem die zunehmende Verschlechterung der Wasserqualität erschwerend hinzukommt. Hier heißen die Herausforderungen: Effizientere Wassernutzung vor allem in der Landwirtschaft, innovative Technologien zur Wassereinsparung bzw. -wiederverwendung, präzise Wasserbilanzen sowie nachhaltiges Wassermanagement. Darüber hinaus geht es nach wie vor auch um die Erschließung neuer Wasserressourcen. Es wird zudem notwendig sein, wasserintensive Aktivitäten dorthin zu verlagern, wo Wasser ausreichend vorhanden ist, denn häufig exportieren wasserarme Länder wasserintensive landwirtschaftliche Produkte auf Kosten der knappen heimischen Wasserressourcen.

Wassermanagement: Global denken – regional handeln
Um den zukünftigen Herausforderungen zur Deckung der Wassernachfrage gewachsen zu sein, müssen integrierte Ansätze für die nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung von Wasserressourcen entwickelt und umgesetzt werden. Diese müssen angepasst sein an die unterschiedlichen regionalen Wasservorkommen, die unterschiedlichen Beanspruchungen und die zu erwartenden Änderungen in Verfügbarkeit und Bedarf. In diesem Sinne hat das bekannte Motto „think globally, act locally“ eine ganz konkrete Bedeutung. So müssen die Nutzungen mit der jeweils verfügbaren Menge, der Qualität und den ökologischen Funktionen der Oberflächengewässer und des Grundwassers in Balance gebracht werden, um sie nachhaltig zu sichern.

Aber nicht nur die Wasserressourcen an sich, sondern auch die natürlichen Funktionen der aquatischen Systeme haben einen essenziellen Wert für den Menschen. Unsere Gewässer erbringen ökologische Dienstleistungen, wie Trinkwasser- und Energiebereitstellung, Transport- und Selbstreinigungskapazität, Nahrungsressourcen, ästhetische und kulturelle Werte und viele andere. Kein anderes System und keine Technologie können diese Funktionen ersetzen.

Ein modernes und nachhaltiges Management von Wasserressourcen kann somit nicht isoliert und nur bezogen auf den Sektor Wasserwirtschaft entwickelt und umgesetzt werden. Der Schlüssel liegt in Anpassungsstrategien, flexiblen Infrastrukturen und einer wesentlich höheren Ressourceneffizienz aller Wassernutzungen.

Diese Frage beantwortete Prof. Dr. Dietrich Borchardt / Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Sprecher des Topics Nachhaltiges Management von Wasserressourcen / Leiter des UFZ-Departments Aquatische Ökosystemanalyse