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Beeinflusst die Klimaerwärmung das Brutverhalten von Vögeln?

 

Antwort

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Foto: Frank Vassen, CC BY 2.0

Dieser Frage sollte man sich sehr vorsichtig annähern, da die „Klimaerwärmung“ keineswegs eine Erscheinung ist, die sich überall gleichermaßen gerichtet zeigt. Vielmehr wirkt sich der Klimawandel in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich aus. In unseren Breiten und auch in den gemäßigten Zonen sind Temperaturzunahmen sehr deutlich, in Richtung des Nordpols (am Südpol offenbar nur in Teilgebieten) sogar noch stärker, diese sind aber keineswegs ausschließlich oder auch nur vornehmlich auf die Brutsaison konzentriert. Wo sie aber zumindest (auch) die Frühjahrszeit betreffen, ist mit einem früheren Pflanzenwachstum zu rechnen und auch mit einem früheren Erscheinen der entsprechenden Insekten oder anderen wirbelloser Tiere, die ja als Nestlingsnahrung bei fast allen Arten wichtig sind. In solchen Fällen besteht also für die Vögel die Möglichkeit, früher mit dem Brüten zu beginnen und – weiter im Norden oder in höheren Lagen – die sonst sehr kurze Brutsaison zu verlängern. Dadurch entzerrt sich das zeitlich sehr enge Fenster für Balz, Brut, Jungenführung, Mauser, Dispersion, Zug etc. etwas und es mag sogar zu Zweitbruten oder Ersatzgelegen kommen, wo dies früher nicht möglich war, oder zu einer Ausdehnung des Brutgebiets in vorher ungeeignete Areale. Auch ein Einfluss auf die Gelegegröße ist nicht auszuschließen, je nachdem ob die Vögel in der Lage sind, ihre Bruten rasch mit den neuen Bedingungen zu synchronisieren.

Oft betrifft die Klimaerwärmung aber eher bzw. stärker die Herbst- oder Wintermonate. Sind zum Beispiel mildere Winter die Folge der „Klimaerwärmung“, werden Vogelarten begünstigt, die einen hohen Standvogelanteil aufweisen, da sie in größerer Zahl sehr früh zu brüten anfangen können, bevor die Konkurrenz der zuziehenden Sommervögel zum Tragen kommt.

Hohe Niederschlagsmengen oder Wetterkapriolen wirken sich andererseits auf fast alle Brutvögel negativ aus, weil sie den Bruterfolg drastisch reduzieren können. Auf jedes einzelne dieser Phänomene einzugehen ist hier nicht möglich, aber vielleicht genügen diese ersten Ausführungen auch schon um die Komplexität der Einflüsse veränderter Witterungsbedingungen auf Brutvögel zu charakterisieren. Denn in anderen Klimazonen der Erde (Subtropen, Tropen, arktische Gebiete, etc.), oder auch in spezifischen Lebensräumen wie Halbwüsten und Wüsten, Permafrostregionen etc. sehen die Bedingungen auch wieder völlig anders aus und die Arten müssen sich auf eine völlig veränderte Lebensraumsituation einstellen, wenn sie ihre Populationen dort halten wollen.

Wie sich aber die Vögel jeweils langfristig darauf einzustellen vermögen, ist noch völlig unklar, und auch stark davon abhängig, welche vegetationsspezifischen und hydrologischen Konsequenzen diese Änderungen im Detail mit sich bringen. Verschiedene Arten werden jedenfalls sehr unterschiedlich auf diese Veränderungen reagieren und für manche wird das in den angestammten Arealen sicherlich auch nicht mehr passen und die Bestände werden stark rückläufig sein, während andere davon profitieren werden. Es wird diskutiert, dass es vornehmlich Spezialisten und stenöke Arten – also Arten, die nur einen geringen Toleranzbereich gegenüber schwankenden Umweltfaktoren haben – sind, die sich schwer tun werden, und Generalisten profitieren könnten. Aber auch das wird sicherlich von Großregion zu Großregion unterschiedlich sein.

Diese Frage beantwortete Dr. Hans-Günther Bauer am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell-Möggingen.