Fragen & Antworten

Zurück zur Übersicht

Wie vernetzt wird die „Medizin der Zukunft“ sein?

 

Antwort

Foto: Forschungszentrum Jülich

Jeder von uns hat eine einzigartige Biologie, die beträchtliche Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. Wir alle erben ein unverwechselbares genetisches Profil von unseren Eltern, und bei jedem von uns kommen ein paar neue Mutationen und sonstige Veränderungen hinzu. Bestimmte Versionen dieser Gene erhöhen das Risiko, dass wir eine bestimmte Erkrankung entwickeln; andere Versionen wiederum senken das Risiko für bestimmte Erkrankungen. Im Alltag kommen wir mit Milliarden von Viren, Bakterien und sonstigen Parasiten in Berührung, die sich in unserem Körper einnisten und dafür sorgen, dass ein individuelles „Mikrobiom“ entsteht. Diese sich ständig verändernde Gemeinschaft verschiedener Mikroorganismen schützt uns einerseits vor bestimmten Erkrankungen, macht uns jedoch andererseits anfälliger für andere. Wissenschaftler entwickeln neue Methoden, um diese Verbindungen zu erkennen. Dabei müssen in der Regel Gewebeproben von einer großen Anzahl gesunder Menschen mit denen von Patienten verglichen werden, die an einer bestimmten Erkrankung leiden. Es werden neue Methoden benötigt, um die komplexen Wechselwirkungen, die zwischen Organismen im Mikrobiom stattfinden, sowie ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheit zu verstehen. An einem bestimmten Punkt wird es möglich sein, zuverlässige Vorhersagen über das individuelle Risiko für die Entwicklung bestimmter Erkrankungen zu treffen. Diese können mit Informationen über die Lebensstilfaktoren kombiniert werden, um eine Präventionsstrategie für jeden von uns zu entwickeln und im Krankheitsfall die optimale Therapie zu wählen. Dafür müssen wir unsere Gene analysieren und Informationen über unsere Ernährung und unsere sonstigen Lebensgewohnheiten erfassen. Solche Strategien erfordern eine umfassende Mitwirkung der Bevölkerung. Diese muss darüber entscheiden, ob sie Informationen, die bisher als privat galten, öffentlich machen will. Die „Rezepte“ werden niemals perfekt oder vollständig sein, können uns jedoch dabei helfen, ein längeres, gesünderes Leben zu führen.
Neben diesen umfassenderen Erkenntnissen zu den Faktoren, die zu einer Erkrankung beitragen, werden große Fortschritte in der Biologie von Bakterien, Viren und sonstigen Krankheitserregern gemacht. Es ist nun möglich, die komplette genetische Sequenz eines dieser Organismen innerhalb von Stunden oder eines Tages zu entschlüsseln, dadurch wird die Entwicklung von Impfstoffen oder sonstigen Therapieformen deutlich beschleunigt. Die Erweiterung der biochemischen Experimente, Zellkulturen und Tiermodelle, die wir einsetzen, werden die Entwicklungsgeschwindigkeit neuer Arzneimittel und anderer Therapieformen deutlich erhöhen. Schließlich werden wir durch neue genetische Instrumente die Möglichkeit haben, defekte Moleküle in bestimmten Zelltypen zu ersetzen und ihre Funktion wieder herzustellen. Stammzellen- und Immuntherapien werden es uns ermöglichen, unsere eigenen Zellen zu nutzen, um geschädigtes Gewebe zu regenerieren und einige der degenerativen Prozesse, die zur Alterung führen, umzukehren. Diese Medizin der Zukunft wird also die klassische klinische Diagnose und Therapie mit Instrumenten aus der Molekular- und Zellbiologie kombinieren.

Diese Fragn wurde von Russ Hodge, Wissenschaftsjournalist am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, beantwortet.